Wo sich Magie, Medizin und Glaube berühren

Alant, Dost, Eisenkraut, Johanniskraut, Königskerze, Rainfarn, Salbei oder Wegwarte.

Mosbach. "Es ist so ein schöner Garten, von dem viele Mosbacher immer noch nichts wissen", begrüßte Apothekerin Andrea Schunk am Abend vor Maria Himmelfahrt 25 Frauen und zwei Männer am zentralen Wegkreuz des Mosbacher Klostergartens hinter dem Amtsgericht (dem ehemaligen Franziskaner-Kloster). Über die gute Resonanz freute sich auch Naturheilpraktikerin Hedwig Kempf. "Wir wollen heute die Kräuter kennenlernen, die in einen Buschen reinkommen und dann selbst einen binden", erläuterte sie den Ablauf des Seminars, das unter der Regie des Naturheilvereins Mosbach und Umgebung stattfand.

"Vor rund 20 Jahren hat Christian Thumfart den Garten angelegt, als ,Geschenk' der Stadt zur Landesgartenschau", kam Kempf auf die Geschichte des Kleinods zu sprechen. "Als sich der gepflegte Kräutergarten immer mehr in eine Wildnis verwandelte und die Schilder nicht mehr mit den Pflanzen in den Beeten übereinstimmten", sagt Schunk, wurden die beiden "Kräuterkundigen" aktiv. Hedwig Kempfs Idee war es, den Garten zusammen mit Kindern und Jugendlichen zu neuem Leben zu erwecken. Seit zwei Jahren pflegen Schüler der Grundschule Aglasterhausen und der Lohrtalschule die Anlage. Erst als Arbeitsgruppe des Naturheilvereins, mittlerweile als eine Kooperation mit dem Mehrgenerationenhaus, gewinnt die Anlage wieder an Struktur. Mittlerweile bewirtschaftet man acht Beete. Neu entsteht ein Hildegard-von-Bingen-Beet. Hedwig Kempf züchtet Heilpflanzen nach, und letztes Jahr presste man auf dem Kürbismarkt frischen Apfelsaft. "Der Garten blüht nicht nur, er gedeiht", freute sich Andrea Schunk besonders darüber, dass hier junge Leute an die Natur herangeführt werden - und altes Kräuterwissen erfahrbar wird.

Um Maria Himmelfahrt sei die Heilkraft der Pflanzen am größten, da die Inhaltsstoffe am höchsten konzentriert seien, kam die Apothekerin auf die Buschen zu sprechen. Das alte Heilkräuterwissen sei eng verbunden mit der Katholischen Kirche und den Klöstern. Aber die Kirche habe auch die "Hexen" verfolgt - und dabei viel Kräuterwissen zerstört.

"Die Kräuterbuschen gehören ein Stück weit auch zum magischen Heilen. Nach der Weihe hängte man die Buschen zum Schutz von Haus und Stall auf. Man hat sie in den Raunächten aber auch verräuchert. Es geht nicht nur um die Inhaltsstoffe", betonte Andrea Schunk. Über die Inhaltsstoffe und magische Bedeutung der einzelnen Pflanzen berichteten die beiden Referentinnen mit viel Sachwissen, wiesen auch darauf hin, dass in der "Apotheke Gottes" auch gefährliche Pflanzen gedeihen. Verrieten, ob sich die Pflanze für Tee oder ein Kräuterkissen eigne, besser als Wein oder Präparat anzuwenden sei. Die malerisch um den Brunnen drapierten Pflanzen dienten als Anschauungsmaterial, das man "begreifen" konnte.

"Für den Buschen benutzt man immer eine magische Zahl, auf jeden Fall eine ungerade", wusste Hedwig Kempf. Möglich seien sieben Pflanzen, neun, 27, 33, 77 oder sogar 99. "Man sollte immer drei von jeder Sorte einbinden." Bei allen regionalen Unterschieden bilde die Königskerze, auch "Gewitterkerze" genannt, häufig das Zentrum des Buschens. Der Name verrät bereits, dass sie vor Blitzeinschlag schützen sollte. Zudem verwendete man eine Hand voll Blüten auch als Teekraut gegen Reizhusten. Auch Spitzwegerich sei ein hervorragendes Hustenmittel, der Saft der Blätter helfe, wenn sich Kinder an Brennnesseln verbrennen, betonte Hedwig Kempf. Weiter ging es: Johanniskraut, Schafgarbe, Wermut, Beifuss, Baldrian, Melisse, Frauenmantel, Muttergotteskissele, Pfefferminze, Steinklee, Salbei, wilde Möhre und natürlich verschiedene Getreidesorten fanden ihren Weg in die Kräuterbuschen. Auch in den Kräuterbeeten wurden die Teilnehmer fündig und hatten bald so imposante wie duftende Kräutersträuße beisammen.

Info: Die Klostergarten-Gruppe freut sich nicht nur über Spenden von Gartengeräten. Auch handwerklich begabte Erwachsene, die mithelfen, im Garten Kinder anzuleiten, sind willkommen. Kontakt: Hedwig Kempf, Telefon: 06262 / 958 98, Andrea Schunk, Telefon: 06261 / 55 55.

(Quelle: RNZ, 16.08.2013)